Zusammenfassung: Liebe und Sexualität im 19. Jahrhundert
Bettina von Arnims “Eros,” Sidonie Grünwald-Zerkowitz’ “Sündige Stimmungen”
und Anna Croissant-Rusts “Kirchweih”

Sexualität:
Aussage: Weil weibliche Sexualität im 19. Jahrhundert so stark moralisch bewertet wurde (Frauen waren entweder asexuell und moralisch oder sexuell und unmoralisch), versuchten Arnim und Grünwald-Zerkowitz zu zeigen, dass die sexuellen Gefühle von Frauen TROTZDEM ästhetisch und existenzberechtigt [entitled to exist] sind.
Croissant-Rust hingegen [on the other hand] zeigt, dass wir die weibliche Sexualität auch als ein Nebenprodukt der sozialen Klasse verstehen müssen. Bürgerinnen konnten es sich leisten [can afford to], ihre Sexualität zu ästhetisieren [to make it aesthetically acceptable] und zu versuchen, sie von der ökonomischen Wirklichkeit abzutrennen. Die Sexualität von Frauen aus der Unterschicht aber war noch sehr mit wirtschaftlichen Bedingungen verbunden. Lisbeth benutzt ihren Sex, um den reichen Müllerssohn Karl an sich zu binden. Bürgerinnen taten das Gleiche, aber nur NACH der Ehe; sie verkauften also die Garantie, dass sie noch KEINEN Sex hatten. (Der Grund: so wird Besitz und Geld an einen biologisch eigenen Sohn weitergegeben, nicht an ein “Kuckucksei”).
Die bürgerliche und patriarchale Doppelmoral besteht daraus, dass die Bürger sexuell pure Frauen heiraten, für Sex aber zur Prostituierten aus der “unmoralischen” Unterschicht gehen. Sie verdammen also als unmoralisch die Frauen der Unterschichten und sexuell aktive Frauen aus dem Bürgertum für das, was sie selber tun: Sex haben/geniessen.

Form: Wie so viele Autorinnen im 19. Jahrhundert blieben alle drei Autorinnen in der dominanten Schreibweise. Es gibt keinen Versuch, eine weibliche Textform zu finden; die weiblichen Inhalte sind wichtiger.
Arnim gestaltet [design] ihr Gedicht als ein klassisches Sonnett, Grünwald-Zerkowitz benutzt eine etwas offenere, aber immer noch traditionelle Form (das Gedicht reimt sich). Eine Innovation sind jedoch Grünwald-Zerkowitz Pünktchen vor “Stübchen” und “hüpften.” Arnim schrieb am Anfang, Grünwald-Zerkowitz am Ende des 19. Jahrhunderts. Wie die anderen Geschichten aus dem 19. Jahrhundert ist Croissant-Rusts Geschichte wieder ziemlich chronologisch strukturiert; wir sehen schon inneren Monolog, aber noch keine textuellen Experimente.

Inhalt: Arnims Gedicht handelt vom weiblichen sexuellen Genuss, entweder vor dem Sexualakt oder als Onanie [masturbation]. Sie verbindet zwei Symbole – den klassischen Gott der Erotik (Eros) und das Emblem der Liebe (die Rose) -- , um eine Vereinigung von klassischer und neuerer Geschichte, von Kultur und Natur, von Mann und Frau, von Sex und Liebe zu erreichen.
Grünwald-Zerkowitz’ Gedicht vergleicht den natürlichen Vorgang des scheinenden Mondes mit der heterosexuellen Vereinung von Mann und Frau. Es verbindet daher Sex mit Natur und interpretiert Sex als natürlich und ästhetisch.
Weil die weibliche Sexualität so stark mit der individuellen Sittlichkeit [morality] einer Frau verknüpft war, beschrieben viele Autorinnen eine Befreiung [liberation] von der patriarchalen Interpretation dieser Sexualität auf der individuellen Ebene. Eine Ich-Erzählerin spricht über ihre sexuellen Erfahrungen bei Arnim und Grünwald-Zerkowitz (Wir hatten gelernt, dass die meisten Texte aus dem 19. Jahrhundert soziale Gruppen ansprachen, nicht den Einzelmenschen). Weil Croissant-Rust jedoch Sexualität als ein Klassenphänomen sieht, beschreibt sie Lisbeth mehr als eine Repräsentantin einer ganzen Gruppe (= arme Frauen), nicht als Individuum.

Liebe:
Das moderne Konzept der Partnerliebe wurde im 19. Jahrhundert erst noch eingeübt [rehearsed, learned]. Zuerst begann die Idee im Bürgertum; Liebe wurde ein “Beruf” und eine Entschädigung [compensation] für die Frauen, die jetzt ihren Einfluss in der Gesellschaft verloren. Vor dem 19. JH war die Frau zusammen mit dem Mann Hausmutter und Hausvater – beide waren wichtig in der Produktion und Reproduktion, die unter einem Dach stattfand. Mit Beginn der industriellen Revolution aber wurde die Frau ans Haus (Privatleben und Familie) gekettet und das Private wurde abgewertet. Frauen sollten jetzt ihre häusliche Arbeit nur aus Liebe verrichten [carry out] und ihre “Bezahlung” war sozialer Respekt, Liebe und finanzielle Fürsorge von ihrem Ehemann, und Liebe von den Kindern. Von Liebe und Respekt kann frau sich aber nicht ernähren [support, feed herself]! Die bürgerliche Frau wurde also finanziell abhängig von einem Mann, entweder dem Vater oder dem Ehemann. Sie konnte ihr enges [restricted] Leben nur akzeptieren, wenn sie die stereotypischen Ideale internalisierte. Das zeigt uns Eugenie Marlitt auf völlig unreflektierte Weise. Sie wiederholt nur Klischees (die Frau liebt am besten, wenn es ihr schlecht geht; die Frau ordnet ihre Wünsche unter, ohne zu protestieren), ohne sie zu hinterfragen und kritisieren.
Für die Unterschichten (Bauern, Arbeiter, Kleinbürger) war Liebe ein emotionaler Luxus. Paare heirateten, weil sie zu zweit finanziell besser leben konnten oder weil ein Kind da war. Oft lasen die Frauen aber Kitschromane (wie zum Beispiel von der Marlitt) und wollten “Liebe,” aber die ökonomische Realität war immer stärker. Liebe im bürgerlichen Sinn war die finanzielle Abhängigkeit der Frau vom Mann; das war in den Unterschichten nicht möglich oder wurde nicht von den Männern akzeptiert. Das zeigt uns auch Anna Croissant-Rust. Lisbeth hoffte auf Erfüllung in Karls “Liebe,” also eigentlich auf Sicherheit durch sein Geld. Ihr Konflikt besteht darin, dass sie proletarisch lebt (Sex vor der Ehe hat) und pseudo-bürgerlich “liebt.” Karl profitiert von diesem weiblichen Denken, indem er den freien Sex geniesst, den die Frauen ihm anbieten.

Zur Verbindung von Liebe und Sexualität:
Durch diese bürgerliche Mentalität entstand die Idee, dass Frauen für Liebe mit Sex und Männer für Sex mit Liebe bezahlen müssen. Liebe und finanzielle Sicherheit wurde der weibliche Vorteil [advantage] und ein gut organisiertes Heim und garantierte Vaterschaft [paternity] durch “reinen” Sex der männliche Vorteil der bürgerlichen Mann-Frau-Beziehung im 19. Jahrhundert.