Wir haben diese Texte gegen den Hintergrund “Arbeit, Geschichte, Politik” beleuchtet [illuminated]. Es ist wichtig, die historischen und politischen Zusammenhänge im 19. Jahrhundert zu verstehen:
Ab 1000 AD: Das Bürgertum war eine soziale Gruppe, die seit dem Jahr 1000 am Rande [on the margins] der feudalen Gesellschaft ihre eigenen Werte entwickelte. Bürgerliche Werte waren: Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Gleichheit, Selbstdisziplin, Toleranz, Gerechtigkeit, Dynamik, Innovation, Akkumulation von Kapital, Intellektualismus, Demokratie.
Ab 1720 (Aufklärung): Die Bürger begründeten [founded] ihre “bessere” Kultur mit der Idee, dass eine bürgerliche Regierungsform allen Menschen dienen [serve] würde.
Ab Ende des 18. Jahrhunderts: Durch die beginnende Industrialisierung zerbricht die alte Produktionsweise in zwei Hälften: die weniger wichtige private Sphäre des Heims wird der Frau zugewiesen, die öffentliche Arbeitswelt wird vom Mann besetzt. Der reduzierte Wert der Frauen sollte den Bürgern (Männern) helfen, sich trotz ihrer hilflosen politischen Situation noch stark zu fühlen. Statt über ein Land herrschten die Männer über ihre Frauen und Familien.
Nach 1789: Nach der Französischen Revolution beendete Napoleon in Deutschland das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen und den Feudalismus. Die Brutalität der Revolution erschreckt die Bürger – so etwas wollen sie in Deutschland nicht haben.
1818-1848: Die Hoffnungen des Bürgertums auf demokratische Reformen und eine Mitarbeit an der Regierung gärten [fermented] auch während der Zeit der konservativen Restauration (unter Fürst Metternich) bis hin zur gescheiterten [failed] Revolution im Jahre 1848.
1848- Ende des Ersten Weltkriegs: Nach der gescheiterten Revolution “arrangierte” das Bürgertum sich mit den herrschenden Mächten [reigning powers]. Es spaltete sich einerseits in das Wirtschaftsbürgertum, das nun durch die Industrialisierung viel Geld verdiente und aristokratische Repräsentations- und Denkformen entwickelte [developed]. Dem gegenüber stand das Bildungsbürgertum, das die alten Ideale (Bildung, intellektuelle Freiheit, Selbstdisziplin, Toleranz) bewahrte [preserved]. Die politischen Ideale der Unabhängigkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Demokratie wurden jedoch fallen gelassen.
19. Jahrhundert: Viele Frauenautorinnen kritisierten diese politischen und sozialen Entwicklungen. Als Rezipientinnen der neuen reduktiven Geschlechterrolle konnten sie klar erkennen, wie sehr die Bürger ihre alten Ansprüche [claims] auf eine “bessere Kultur” verraten [betrayed] hatten.
Zu den Texten:
Aurora Stechern kritisiert die politischen Resignation des bürgerlichen
Mannes und seine egoistischen wirtschaftsbürgerlichen Tendenzen, dank derer
[thanks to which] er Frauen in eine für ihn praktische Rolle drängt
(als bemittelte [well-off] Ehefrau, Mutter, Pflegerin im Alter)
Kathinka Zitz kritisiert das politische Etablissement (Adel und bürgerliche Industrielle), das sich nicht um die furchtbare soziale Not der unteren Klasssen kümmert. Der Schwerpunkt [focal point] ihres Gedichts liegt auf der Verbesserung der Existenz aller Arbeiter, besonders der Frauen und Kinder. Ihr Fokus ist eher sozialistisch als feministisch. Weil sie jedoch hofft, dass der König – nicht die Revolution – die Existenz der Unterschichten verbessert, denkt sie sehr bürgerlich und autoritätstreu.
Elsbeth Meyer-Förster kritisiert
die intellektuelle Hohlheit [hollowness] des Bildungsbürgertums, das sich
in leere Worte flüchtet, ohne den Unterschichten konkret oder politisch
zu helfen. Weil Meyer-Förster eine Arbeiterin zeigt, die durch idealistische
Worte ein besseres Individuum wird, haben wir diese Autorin als eine Bildungsbürgerin
kritisiert. Die Autorin sieht zwar, dass der bürgerliche Wert der weiblichen
Liebe ein patriarchales Unterdrückungsinstrument [instrument of oppression]
ist, aber dann zeigt sie, dass die Protagonistin Suse zur Liebe findet. Der
Text widerspricht sich somit [therefore] selbst. Er demonstriert keine Befreiung
im feministischen Sinn.