Vor dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts:
- Familien lebten und arbeiteten mit den Dienstboten und Gesellen/Lehrlingen
im “ganzen Haus.” Es gab keine Trennung zwischen privater und öffentlicher
[public] Welt. Man produzierte und reproduzierte Gebrauchsgüter [consumer
goods] für den persönlichen Bedarf und Verkaufswaren [articles for
sale] direkt im Haus.
- Die Geschlechterrollen leiteten sich von der sozialen Position einer Person
ab [sich ableiten von = to derive from].
- Eine Person lebte entweder noch bei den Eltern, mit einem Ehepartner zusammen
oder im Haushalt eines Brotherrn.
- Männer und Frauen besassen daher entweder Autorität (= hohe soziale
Position) oder zeigten Gehorsam (= niedrige soziale Position).
- Frauen hatten andere Rechte und Pflichten als Männer, aber beide Geschlechter
wurden als (fast) gleichwertig gesehen.
- Die Geschlechterrollen definierten sich also durch den sozialen Status (nicht
durch “angeborenen Charakter”!).
- Die Geschlechter waren komplementär.
Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts:
- Durch den Beginn der Industrialisierung kommt es zur Trennung zwischen der
unbezahlten Produktion im Haushalt und der bezahlten Produktion in der Berufswelt.
- Frauen bleiben jetzt im Haus und leisten unbezahlte Arbeit.
- Unbezahlte, körperliche Arbeit wird abgewertet, was auch die Rolle der
Frau abwertet
- Als Kompensierung wird die Rolle der Frau emotional und moralisch aufgewertet:
sie ist die “gute” Mutter, die “sparsame” Hausfrau,
die “treue” Ehefrau.
- Die angebliche [alleged] Subjektivität der Frau (im Kontrast zur Objektivität
des Mannes) legitimiert die Unterdrückung der Frau in Ehe, Politik, Bildung,
Ausbildung und Arbeitswelt. “Frauen können lieben, aber nicht denken
oder führen.”
- Das bedeutet, der Mann wird angeblich vom Geist (Intellekt) gelenkt, die Frau
von der Liebe.
- Die (bürgerliche) Frau wird nun auf den Haushalt und die Familie reduziert.
Man begründet diese Reduzierung auf ihre “höhere Moral”
und die “andere Natur” der Frau.
- Das Endresultat: Die Geschlechterrolle definiert sich nun durch den “natürlichen
Charakter:” Frauen wurden nun als schwach, passiv, emotional, körper-lich
reproduktiv klassifiziert; Männer hingegen als stark, aktiv, intellektuell,
sozial produktiv.
- Die Geschlechter stehen deshalb in Opposition zueinander.
Quelle: Karin Hausen, “Family
and Role-Division: The Polarisation of Sexual Stereotypes in the Nineteenth
Century – An Aspect of the Dissociation of Work and Family Life.”
The German Family. Essays of the Social History of the Family in Nineteenth-
and Twentieth-Century Germany. Ed. Richard J. Evans and W. R. Lee. Totowa: Crom
Helm, 1981.