FLG 323, Herbst 2002
Deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts
Dr. Helga G. Braunbeck

Das traditionelle Theater und Brechts “Episches Theater”

Theorie
“die Verfremdung” = defamiliarization, alienation

Aristotelisches Theater                                Episches Theater

will Illusion schaffen                                         will die Illusion aufbauen,
                                                                          unterbrechen und zerstören,
                                                                          will “verfremden”
zieht den Zuschauer hinein                            distanziert den Zuschauer
erzeugt Gefühle im Zuschauer                       verlangt Entscheidungen vom Zuschauer
Zuschauer erlebt es mit                                  Zuschauer entwickelt eine
                                                                          Weltanschauung, studiert die
                                                                           sozialen Bedingungen
Zuschauer ist mittendrin                                 Zuschauer steht gegenüber
Theater suggeriert                                          Theater argumentiert
feste Charaktere                                             Charaktere, die sich ändern
man ist gespannt aufs Ende                          man will den Weg dahin wissen
die Handlung entwickelt sich                         Montage von unabhängigen Szenen
lineare Handlung                                             Handlung in Kurven, Kreisen, …
Handlungslauf ist prädeterminiert                 Sprünge, Unterbrechungen, etc.
Emotion                                                            Intellekt, rationales Denken

Theaterpraxis
“Verfremdungseffekte” = alienation effects:

direkte Zuschaueransprache
Spruchbänder
Kommentar durch Erzähler oder Songs
offene Bühne, Theatermaschinerie ist sichtbar, oft kein Vorhang

neue Schauspielmethode:
keine Identifikation mit der Figur, der Schauspieler spielt die Rolle, aber tritt auch manchmal aus ihr heraus
die Rolle/Figur “zeigen” nicht “sein”
der Schauspieler hat Abstand/Distanz zu seiner Rolle, identifiziert sich nicht mit der Figur
oft Gebrauch von Masken

neue Rolle der Musik:
sie illustriert nicht, sondern kommentiert oder widerspricht

episodische Erzählstruktur: einzelne Szenen, keine Akte
Einsatz von kurzen, unterbrechenden Zwischenspielen
zwischengeschaltete Songs
Ort/Zeit/Kultur: nicht das Vertraute, sondern das Entfernte:
exotische oder fiktive Orte, entfernte oder fiktive Vergangenheit
aufgebrochene Chronologie